Evaluation des Niedersächsischen Modellprojektes zur Vermeidung unentschuldigter Abwesenheit vom Unterricht (ProgeSs)

Projektlaufzeit:

2003-2005

Projektmitarbeiter:

Katrin Brettfeld
Daniela Trunk
Prof. Peter Wetzels
Dr. Dirk Enzmann

Projektfinanzierung:

Drittmittel: Justizministerium des Landes Niedersachsen, Landespräventionsrat

Projektbeschreibung:

Vor dem Hintergrund der Ergebnisse mehrerer in den Jahren 1999 und 2000 in Niedersachsen durchgeführter Schülerbefragungen, die eine hohe Verbreitung von Schulschwänzen, deutliche Mehrfachbelastungen bei einem großen Anteil der massiv schwänzenden Schülerinnen und Schüler, nur begrenzte Kontrollen und unzureichende Maßnahmen für diese Gruppen Jugendlicher auf schulischer Ebene sowie deutliche Zusammenhänge zwischen Schulschwänzen und Delinquenz feststellten, wurde durch eine interministerielle Arbeitsgruppe der Niedersächsischen Landesregierung im Jahr 2002 ein Eckpunktepapier zum Schulschwänzen entworfen. Der Landespräventionsrat Niedersachsen (LPR) wurde damit beauftragt, die im Eckpunktepapier der Landesregierung skizzierten Maßnahmen zu konkretisieren und im Rahmen eines Modells zu erproben. Als Modellregionen wurden die Städte Hannover, Osnabrück, Delmenhorst sowie der Landkreis Friesland ausgewählt. Das vom LPR anknüpfend an das Eckpunktepapier der Landesregierung entwickelte Modellprojekt ProgeSs (Projekt gegen Schulschwänzen) besteht aus mehreren, miteinander verknüpften Maßnahmebündeln, die auf drei Ebenen angesiedelt sind.
(1) Die erste Ebene betrifft die Schulen. Durch eine explizit (schriftlich) geregelte, wechselseitige Vereinbarung, welche die sofortige (am selben Tag) gegenseitige Information von Schule und Elternhaus über Abwesenheiten von Schülerinnen und Schülern vom Unterricht beinhaltet, soll die Relevanz des regelmäßigen Unterrichtsbesuchs unterstrichen und die Aufmerksamkeit bezogen auf Episoden des Schulschwänzens erhöht werden. In Ergänzung der gesetzlich geregelten Schulpflicht werden zwischen der Schule den Erziehungsberechtigten und dem Schüler symbolische "Verträge" schriftlich fixiert.
(2) Die zweite Ebene des Programms betrifft die Zusammenarbeit zwischen Schule und Sozialen Diensten. Zur Unterstützung der Bearbeitung schwerwiegender Fälle massiven Schulschwänzens (zielgerichtete Diagnostik, Einzelfallberatung sowie ggfs. Verweisung an zuständige kompetente Institutionen zur Behandlung) sollen in den Kommunen sogenannte Helferteams eingerichtet werden. Diese sollen aus Beratungs- und/oder Vertrauenslehrkräften, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kinder- und Jugendhilfe und der Schulpsychologie, Schulärzten und sonstigem Fachpersonal bestehen. Dazu sollen seitens der Sozialen Dienste individuelle Personen eindeutig als Zuständige benannt werden, die sich in den jeweiligen Schulen vorstellen und für diese erreichbar sind.
(3) Die dritte Maßnahme ist auf Ebene der Polizei verortet. Die Jugendbeauftragten der Polizei - bzw. andere geschulte Polizeibeamte - sollen zu schulüblichen Zeiten im Rahmen gezielter Kontrollen schulpflichtige Personen ansprechen, die sie außerhalb der Schule an jugendtypischen Treffpunkten wie Kaufhäusern, Plätzen, Spielhallen etc. antreffen. In Gesprächen soll geklärt werden, weshalb sich die Angesprochenen außerhalb der Schule aufhalten. Sofern sich der Verdacht auf ein unentschuldigtes Fernbleiben erhärtet, sollen die Jugendlichen - nach einem sogenannten ‚normverdeutlichenden Gespräch' - zurück in die Schule geschickt werden. Von dem Verbringen der Schüler zur Schule durch die Polizei, wurde in Niedersachsen aus pädagogischen wie auch organisatorischen Gründen explizit Abstand genommen. Es werden die Personalien der Schüler aufgenommen und an die zuständige Schule weitergeleitet, die ihrerseits wiederum eine Rückmeldung an die Polizei erstatten, aus der hervorgeht, ob es sich tatsächlich um eine Schulpflichtverletzung handelt. Sowohl die Meldung an die Schule als auch die entsprechende Rückmeldung sollen nicht der Einleitung ordnungsrechtlicher Schritte dienen.
Angesichts der festgestellten Zusammenhänge zwischen Schulschwänzen und Delinquenz erhoffte man sich - neben der Reduzierung des Schulschwänzens - von solchen Maßnahmen zugleich auch kriminalpräventive Effekte. Mit der Durchführung der Evaluation wurde die Abteilung Kriminologie des Instituts für Kriminalwissenschaften an der Universität Hamburg unter Leitung von Prof. Dr. Wetzels beauftragt. Die dazu erforderlichen Untersuchungen (schriftliche Befragung von Lehrern und Schülern als Totalerhenung der 9. Jahrgangsstufen aller Modellregionen; Intensivinterviews mit Beteiligten aus allen Modellregionen und Professionen sowie die Auswertung von Daten der Polizei sowie Ordnungsbehörden) wurden vom Sommer 2003 bis zum Dezember 2004 durchgeführt. Die Evaluation umfasst sowohl die durch das Modellprogramm erzielten Effekte, das heißt die Wirksamkeit der Maßnahme in Bezug auf die zu erreichenden Ziele als auch die Prozessevaluation, hier insbesondere die Frage der Akzeptanz bei den beteiligten Institutionen sowie ggf. auftretende Schwierigkeiten im Rahmen der Umsetzung der Modellmaßnahmen.

Publikationen aus dem Projekt:

Wetzels, P., Trunk, D., Brettfeld, K. & Enzmann, D. (2003). Erster Zwischenbericht zur Evaluation des Niedersächsischen Modellprojektes gegen Schulschwänzen (ProGeSs). Unveröffentlichter Bericht an den Landespräventionsrat Niedersachsen.
Brettfeld, K., Enzmann, D., Trunk, D. & Wetzels, P. (2005). Abschlussbericht zur Evaluation des Niedersächsischen Modellprojektes gegen Schulschwänzen (ProgeSs). Unveröffentlichter Bericht an den Landespräventionsrat Niedersachsen. (Kurzdarstellung des Abschlussberichtes)

Vorträge aus dem Projekt:

Trunk, D. Schulschwänzen als Ansatzpunkt von Kriminalprävention: Vorstellung des Untersuchungsdesigns der Evaluation des Niedersächsischen Modellprojekts. Norddeutscher Kriminologischer Gesprächskreis, Benz. 01.-04. Mai 2003.
Trunk, D. Reducing Truancy as an approach of crime prevention: an evaluation of a model project in Germany. 31st Conference of the European Group for the Study of Deviance and Social Control, Critical Persepctives on Crime Prevention. Helsinki, 30th August-2nd September 2003.
Wetzels, P. Blaumachen ohne rot zu werden Niedersächsisches Modellprojekt zur Vermeidung unentschuldigter Abwesenheit vom Unterricht und der Prävention jugendlicher Delinquenz (PROGESS). 3. Niedersächsischer Präventionstag Hildesheim, 8. Oktober 2003
Trunk, D. Erste Ergebnisse einer Lehrerbefragung in Niedersachsen. Norddeutscher Kriminologischer Gesprächskreis. Münster, 29.04.-02. Mai 2004.
Brettfeld, K. ProGeSs - Projekt gegen Schulschwänzen. Gesellschaft macht Prävention. Oldenburg, 03. November 2004
Brettfeld, K. Effektevaluation kriminalpräventiver Modelle: Zielvorstellungen und ihre Umsetzung im Feld. Norddeutscher Kriminologischer Gesprächskreis, Bad Bederkesa. 27.-29. Mai 2005.
Trunk, D. Wer trägt die Verantwortung? Partnerschaften und Konflikte in der kriminalpräventiven Praxis. Befunde der Prozessevaluation des niedersächsischen Modells gegen Schulabsentismus. Norddeutscher Kriminologischer Gesprächskreis, Bad Bederkesa. 27.-29. Mai 2005.
Trunk, D. The inter-agency approach in crime prevention models. Problems of communication and cooperation: The large pilot study for the reduction of truancy and juvenile delinquency in Lower Saxony. 5th annual Conference of the European Society of Criminology. Krakau, 1st-3rd September 2005 (Poster-Presentation).
Wetzels, P. Effects of a school-based truancy reduction program on juvenile delinquency: Results of an impact evaluation based on a randomized experimental control-group design. 5th Annual Conference of the European Society of Criminology Cracow, September 1st 2005.
Wetzels, P. Ergebnisse der Evaluation des niedersächsischen Modellprojekts gegen Schulschwänzen ProgeSs. Präsentation der Ergebnisse des Modellprojekts. Hannover. 12. Oktober 2005.