Integration und Integrationsbarrieren

Projektlaufzeit:

2004-2007

Projektmitarbeiter:

Prof. Peter Wetzels (Projektleiter)
Katrin Brettfeld
Ramazan Inci
Bora Üstünel

Projektfinanzierung:

Drittmittel: Zuwendung durch das Bundesministerium des Inneren

Projektbeschreibung:

Ein wichtiges erstes Ziel des Projektes ist es, Erkenntnisse über Integrationserfahrungen und -einstellungen sowie Religiosität und Formen religiöser Orientierungsmuster der in Deutschland lebenden Muslime zu gewinnen. Weiter zielt das Vorhaben darauf ab, Aufschluss über die Haltungen in Deutschland lebender Muslime zu Demokratie und Rechtsstaat sowie ihre Einstellungen zu Formen politisch-religiös motivierter Gewalt zu erhalten. Auf dieser Grundlage sollen auch Umfang und Hintergründe demokratiedistanter bis hin zu politisch-religiös motivierte Gewalt befürwortender Haltungen unter Muslimen in Deutschland eingeschätzt werden. Es handelt sich um eine empirisch-kriminologische Analyse von Einstellungskomplexen, die ein Resonanzboden islamistisch-extremistischer Organisationen und Aktivitäten darstellen können. Kenntnisse der Größenordnung, der sozialen Verortung wie auch relevanter Einflussfaktoren, welche die Entwicklung solcher Einstellungen begünstigen, sind für die Planung und Ausgestaltung zielgerichteter Präventionsmaßnahmen von hoher Bedeutung. Zwar liegen aus jüngster Zeit einige internationale Studien vor, vor allem aus den USA und Großbritannien, die sich in Teilen den hier fokussierten Problemstellungen zugewandt haben. Diese sind jedoch nicht ohne weiteres auf die Verhältnisse in Deutschland übertragbar, da sich die soziale Lage der Muslime, deren Herkunft und Zusammensetzung ebenso wie nationale migrationsspezifische Probleme in diesen Ländern zum Teil erheblich anders darstellen als in Deutschland. Differenzierte quantitative Analysen auf einer breiteren Datenbasis fehlten zu dieser Thematik in Deutschland bislang, worauf zahlreiche Autoren hingewiesen haben. Für eine adäquate - auch politische - Auseinandersetzung mit Problemen der islamisch-religiös konnotierter Radikalisierung, unter anderem mit dem Phänomen eines nationalen, "home-grown terrorism", also mit Fragen, die sich nach Vorfällen aus jüngster Zeit ganz deutlich stellen, sind entsprechende wissenschaftlicher Befunde indessen hoch relevant. Sowohl die Verbreitung unterschiedlicher religiöser Orientierungsmuster unter Muslimen in Deutschland als auch die Frage ihres Einflusses auf die Etablierung von politisch-ideologisch radikalisierten Haltungen sind empirisch bislang nicht zureichend geklärt. Unter Bezug auf den bisherigen Forschungsstand der Migrationssoziologie sowie der Gewalt und Konfliktforschung wurden als potenzielle Einflussfaktoren, neben Religiosität und religiösen Orientierungsmustern, weiter personale soziale Exklusionserfahrungen im Sinne individueller Viktimisierungs- und Diskriminierungserlebnisse sowie die subjektive Wahrnehmung einer Marginalisierung von Muslimen auf nationaler wie internationaler Ebene (im Sinne stellvertretender Viktimisierungserfahrungen) in der vorliegenden Studie erfasst. Weiter wurden Indikatoren der sprachlichen und sozialen Integration sowie Maße der Einstellungen zu Integration, Assimilation und Segregation erhoben, um entsprechende Zusammenhänge prüfen zu können. Soweit aus Deutschland bereits Studien vorliegen, die sich mit dem Thema Religion und Gewalt unter Einbeziehung von Muslimen oder mit den Phänomenen von Fundamentalismus und Islamismus befassten, sind eine Reihe von Beschränkungen und insoweit offenen Fragen festzustellen. So sind in jüngerer Zeit zwar zahlreiche islamwissenschaftliche Untersuchungen in diesem Feld publiziert worden. Diese befassen sich mehrheitlich mit sozialhistorischen und religionswissenschaftlichen Fragen bzw. den ökonomischen und politischen Hintergründen von (Re)islamisierungsphänomenen und Islamismus auf nationaler wie internationaler Ebene. Empirische Studien zur quantitativen Einschätzung der Verbreitung entsprechender Risikopotenziale in Deutschland und empirische Analysen ihrer sozialen und individuellen Hintergründe, die auf einer verallgemeinerungsfähigen Primärdatenbasis beruhen, wurden auch von dieser Seite bisher noch nicht vorgelegt. Für Deutschland sind eine Reihe qualitativer Untersuchungen verfügbar, die sich jedoch notwendigerweise auf eher kleine Stichproben beschränken. Damit sind Verallgemeinerungen, insbesondere eine quantitative Umschreibung von Phänomenen und Risikogruppen sowie die Einschätzung von diesbezüglichen Hintergründen und Wirkfaktoren, nur sehr begrenzt möglich. Die wenigen größeren quantitativen Erhebungen in diesem Feld stammen überwiegend aus dem Bereich der Migrationssoziologie. Diese haben sich in Deutschland entweder gar nicht mit Einstellungen zu politischer Gewalt und den Haltungen zu Demokratie und Rechtsstaat bei in Deutschland lebenden Muslimen befasst oder aber sich auf bestimmte Teilgruppen, wie z.B. türkische Jugendliche, beschränkt. Einige dieser größeren quantitativen Studien befassten sich zwar ausführlich mit Fragen der Integration wie auch mit der Bedeutung von Religion und Religiosität bei türkischstämmigen Muslimen in Deutschland, ohne indessen auf für Radikalisierung bedeutsame Fragen der Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit oder politisch-religiös motivierter Gewalt genauer einzugehen. Sofern in jüngerer Zeit in Studien, wie zum Beispiel bei den in Deutschland (in Berlin) wie in vielen anderen Ländern durchgeführten Befragungen von Gallup, Fragen der Einstellungen zu politischer Gewalt oder zu terroristischen Handlungen unter Muslimen aufgegriffen wurden, wurden nur sehr grobe Indikatoren der Messung verwendet. Vielfach wurde die Analyse alleine auf das askriptive Merkmal der Religionszugehörigkeit beschränkt. Damit werden jedoch theoretisch wie empirisch bedeutsame Binnendifferenzierungen innerhalb der großen Population der Muslime in Deutschland ausgeklammert. Unterschiedliche Formen religiöser Haltungen, insbesondere die unseres Erachtens theoretisch wesentliche Unterscheidung zwischen wenig religiös gebundenen oder eher laizistischen Haltungen einerseits sowie islamischem Traditionalismus, religiöser Orthodoxie, fundamentalen Orientierungen und schließlich islamistischem Extremismus andererseits, werden so nicht beachtet. Eine Analyse, die die Heterogenität der in Deutschland lebenden Muslime - sowohl mit Blick auf ihre religiösen Haltungen als auch im Hinblick auf ihre Einstellungen zur Aufnahmegesellschaft bzw. zu Fragen der Integration - systematisch zumindest als Option schon in der Studienanlage beachtet, ist jedoch aus wissenschaftlicher Sicht aus mehreren Gründen dringend geboten: Zum einen zur Vermeidung undifferenzierter Problemzuschreibungen und einer sozial unerwünschten Verstärkung pauschaler, negativer Vorurteile, zum anderen aber auch für die Identifikation enger umrissener Zielgruppen und adäquater spezifischer Anknüpfungspunkte für Präventionsmaßnahmen. Das aktuelle Vorhaben knüpft an unsere frühere Untersuchungen zum Zusammenhang von Religion und Kriminalität, speziell Gewaltkriminalität und -Einstellungen, an. Das Forschungprojekt bedient sich unterschiedlicher methodischer Zugangswege, die aufeinander bezogen werden und sich zudem ergänzen. Es handelt sich um insgesamt fünf Teilstudien. In der ersten, vorbereitenden Teilstudie wurden sechs Gruppendiskussionen mit insgesamt 48 Personen islamischer Religionszugehörigkeit durchgeführt. Daran schlossen sich Vortests der Erhebungsinstrumente in mehreren kleineren Verfügbarkeitsstichproben an. Dieser Teil des Forschungsprojektes diente der Felderkundung sowie der Entwicklung und Präzisierung der Erhebungsinstrumente. Die eigentliche Hauptuntersuchung besteht aus drei standardisierten Befragungen repräsentativer Stichproben sowie einem qualitativen Untersuchungsteil mit Intensivinterviews. Die Erhebungen wurden in der Zeit von Mai 2005 bis November 2006 in vier deutschen Großstädten (Hamburg, Berlin, Köln und Augsburg) durchgeführt.

Überblick über die Teilstudien und Stichproben der Hauptuntersuchung

  Stichproben darunter erreichteMuslime darunter erreichte Nichtmuslime mit Migrations-hintergrund darunter erreichte einheimische Nichtmuslime
Standardisierte Telefonbefragung der erwachsenen muslimischen Wohnbevölkerung Zufallstichprobe aus EMA und Telefonregister, in 4 Städten: N=970
970
0
0
Standardisierte schriftliche Befragung von Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufen 9 und 10 Zufallstichprobe von Schulklassen in 3 Städten: N=2.683
500
630
1.553
Standardisierte postalische Befragung von Studierenden Zufallstichprobe von Studierenden aus 4 Städten: N=1.227
195
1.032
0
Qualitative Intensivinterviews mit männlichen erwachsenen Muslimen aus dem Umfeld islamischer Vereine und Organisationen Respondent-driven sampling (iterative Approximation von Repräsentativität) in Hamburg: N=60
60
0
0

Kernstück ist die standardisierte telefonische Befragung einer repräsentativen Stichprobe der erwachsenen muslimischen Wohnbevölkerung aus den genannten vier Großstädten. Diese Stichprobe wurde über eine Kombination aus Zufallsstichproben von Adressen aus den Registern der Einwohnermeldeämter einerseits sowie Zufallsstichproben aus den örtlichen Telefonregistern in Kombination mit einem telefonischen Screening der Religionszugehörigkeit gebildet. In diesem Studienteil wurden 970 Muslime unterschiedlicher Nationalität und unterschiedlicher Formen islamischer Religionszugehörigkeit erreicht. Zusätzlich wurden standardisierte Befragungen repräsentativer Zufallsstichproben einerseits von Schülerinnen und Schülern aus Schulklassen der 9. und 10. Jahrgangsstufe und andererseits von Studierenden realisiert. Es handelt sich hier um Teilpopulationen junger Menschen, die in telefonischen Befragungen von Bevölkerungsstichproben nicht in einer für aussagekräftige Analysen ausreichenden Fallzahl erreichbar gewesen wären. In diesen beiden Teilstudien wurde die Option genutzt, auch Nichtmuslime zu befragen, um Vergleiche durchführen zu können, die Feststellungen dazu gestatten, inwieweit bestimmte Befunde für Muslime spezifisch sind oder aber sich bei anderen Migrantengruppen oder bei Einheimischen in ähnlicher Form wiederfinden lassen. An den Schülerbefragungen, die in schriftlicher Form durch geschulte Mitarbeiter in Schulklassen durchgeführt wurden, nahmen 2.683 Jugendliche teil, von denen 500 eine islamische Religionszugehörigkeit angaben. Daneben wurden 630 Jugendliche mit Migrationshintergrund erreicht, die nicht Muslime sind. Weitere 1.553 jugendliche Teilnehmer sind einheimische, nichtmuslimische Jugendliche ohne Migrationshintergrund. Die dritte standardisierte Erhebung bei den Studierenden wurde als postalische Befragung einer über Studentensekretariate gezogenen Zufallsstichprobe von Studierenden mit Migrationshintergrund realisiert. In dieser Teilstudie wurden 195 Studierende mit einer islamischen Religionszugehörigkeit aus unterschiedlichen Ländern und mit unterschiedlichen Formen eines islamischen Bekenntnisses erreicht. Weitere 1.032 Befragte sind Studierende mit Migrationshintergrund, die sich nicht dem Islam zurechnen. Um genauere Einblicke in mögliche Dynamiken und Hintergründe von Einstellungsmustern sowie spezifische Deutungen von Erfahrungen seitens der in Deutschland lebenden Muslime zu erhalten, wurde ein qualitativer Untersuchungsteil in die Studie integriert. Über diese Teilstudie sollten besonders solche Personen erreicht werden, die in (für standardisierte Befragungen nur schwer zugänglichen) islamischen Migrantenmilieus leben bzw. darüber eigene Informationen besitzen. Es wurden 60 männliche erwachsene Muslime, die im Umfeld von Moschee- oder Kulturvereinen aktiv sind, in leitfadengestützten Interviews intensiv befragt. Die Stichprobe wurde über ein so genanntes respondent-driven sampling gebildet. Bei diesem Verfahren werden, von Initialkontakten ausgehend, schrittweise weitere Kontaktpersonen bereits erreichter Teilnehmer per Zufall ausgewählt und um ein Interview gebeten. Auf diesem Wege wurde iterativ eine approximativ-repräsentative Stichprobe von Muslimen aus dem Umfeld islamischer Organisationen und Vereinigungen erreicht.

Publikationen aus dem Projekt:

Brettfeld, K. & Wetzels, P. (2007). Muslime in Deutschland. Integration, Integrationsbarrieren, Religion und Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religiös motivierter Gewalt. Ergebnisse von Befragungen im Rahmen einer multizentrischen Studie in städtischen Lebensräumen. Berlin: Bundesministerium des Inneren. (download)

Kurzdarstellung der Ergebnisse des Forschungsvorhabens

Brettfeld, K. (2008). Religiosität und Geschlechtsrollenorientierung junger Muslime in Deutschland. In Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.), Religion und sexuelle Identität in muslimischen Gemeinschaften (S. 4-15). Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung.